Dit is mi nee!
Geschichten aus Bremen-Bremerhaven und Umzu
01.09.2024
Goethe war (nie) in Bremerhaven!
Dr. Jur. Friedrich Wilhelm Heineken (1787-1848)
Und der neue Bremer Hafen
Um zunächst die drängendste Frage zu klären: Die Bremer Familie Heineken ist zwar mit dem niederländischen Bierfabrikanten verwandt, die Zweige im Stammbaum trennten sich jedoch bereits 1750.
Der Bremer Senator Friedrich Wilhelm Heineken war Sohn des in Bremen durch seine Chronik berühmten Vaters Christian Abraham Heineken. Dieser hatte es darüber hinaus auch zum Bürgermeister der Hansestadt gebracht und fertigte eine der besten Karten des Bremer Stadtgebietes an, die bis 1890 ihre Gültigkeit behielt.
Unser Protagonist wurde am 18. Oktober 1787 in Bremen geboren. Er studierte Rechtswissenschaften in Göttingen und wurde 1821 Stadtsyndikus in Bremen, 1822 Senator.
Im Kontext der Bremer Geschichte tritt Senator Heineken jedoch besonders durch sein Mitwirken an der Gründung der Stadt Bremerhaven hervor. Bürgermeister Dr. Johann Smidt (1773-1857) erwarb von Hannover Land an der Weser. Durch die zunehmende Versandung des Flusses musste ein neuer Bremer Hafen gebaut werden. In der zu diesem Zwecke gegründeten „Commission für die Auswärtigen Angelegenheiten der Stadt“ war Heineken Mitglied. Der enge Briefkontakt zwischen Smidt und Heineken zeugt von einer auch freundschaftlichen Verbindung. F.W. erhielt exklusive Einblicke in die Stadtgründung Bremerhavens an der Geestemündung. Er wurde Berater, Mitwisser und Vertretung Smidts vor Ort.
Neben dem aus wirtschaftlicher Sicht nachvollziehbarem Interesse an einem seetauglichen Hafen, spielten in dieser Zeit auch territoriale Gründe bei der Stadtgründung eine Rolle. Heineken sah die Entstehung Bremerhavens als eine Möglichkeit an, Hannover Gebiete abzutrotzen und das Bremer Land zu erweitern. Heinekens „Denkschriften“ an Smidt können in Zusammenhang mit den Verhandlungen mit der hannoverschen Regierung gebracht werden. Auch die Eisenbahnlinie zwischen Hannover und Bremerhaven ist ein Produkt dieser Zeit. Der Historiker Bessel geht sogar davon aus, dass Heineken bei den Begehungen und den Baumaßnahmen in Bremerhaven anwesend war und zum Stellvertreter Smidts wurde. Die Statue Smidts auf dem Bremerhavener Theaterplatz könnte demnach durchaus ergänzt werden.
Das kleine Bremerhaven war jedoch nicht nur regional von Interesse der Mächtigen und Einflussreichen. Die Gründung neuer Städte stand in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch im Kontext eines neuen Zusammengehörigkeitsgefühls in dem historischen Raum, den wir heute Deutschland nennen. Es gibt Hinweise, dass ein gewisser Herr J.W. von Goethe aus Weimar Interesse an den Baumaßnahmen der Bremer an Geeste und Weser gezeigt habe. Zurzeit
wird der Bestand StaB 7.3 fieberhaft durchsucht, um diese Spur zu belegen! Aber auch ohne Goethe kann also zu keinem Zeitpunkt von einer Bedeutungslosigkeit Bremerhavens ausgegangen werden.
31. 10. 2024
Bremen, die Reformation und die Sache mit dem Hamburger Bier
Der Reformationstag ist der 31.10.1517. Martin Luther nagelte an diesem Tag 95 Thesen an die Kirchentür. Aus Unmut über die Dekadenz, eine falsche Auslegung der Bibel und die Gepflogenheiten des Klerus entschloss er sich zu diesem Schritt, der ihn ins Exil trieb und die Bibel erstmals ins Deutsche übersetzen ließ-
In Bremen kam die neue Bewegung erst 1522 durch die Predigt Heinrichs von Zütpfen an. Dies ist mit der doch etwas verlangsamten Informationsübertragung im Vergleich zu heutigen Zeiten zu begründen. Als Quellen über die Reformation sind unter anderem zentrale Überlieferungen der Bremer Stadtgeschichte zunennen: Das Ratsdenkelbuch von 1396 bis 1671 (inzwischen vollständig transkribiert und neu verlegt) und das Denkbuch des Bürgermeisters Daniel von Bühren 1490 bis 1525. Zusätzlich existieren noch Quellen aus den Kirchenarchiven.
Warum Bremen sich der Reformation anschloss, wurde in der Forschung seit dem 19. Jahrhundert diskutiert. Von der „Dekadenztheorie“ durch evangelische (und damit nicht ganz unabhängige) Kirchenhistoriker, zu Bodo Heyne in den 1970ern, der die Spannungen zwischen Rat und Kirche benannte. Der Rat habe die Unabhängigkeit der Stadt vom Erzbistum gefordert und sich nur allzu gerne auf den Zug der Reformation gesetzt. Der Historiker Moeller zog noch in Betracht, dass die vermehrte Bildung des Bürgertums eine Rolle gespielt haben könnte. Die Unzufriedenheit über die Bevorzugung der Geistlichkeit habe zu Unruhen geführt.
In den Quellen finden sich derweilen viele Hinweise auf einen schwelenden Konflik zwischen der Kirche und dem Rat der Stadt Bremen. So listet von Büren die gezahlten Ablassgelder auf, die seit 1300 gezahlt worden waren.
„Ach wat groter summe geldes komen alle yar to Rome uthe Dudeschen
lande, mer dan uthe anderen landen, des nicht vele wedder her affenkomet. Ick holde dat Dudesche land van den Romeschen keyseren in
tydt der heydenschup myt yarliken tribute unde schatte so swarliken
nicht beschoren en wart, also id nu by dessen tyden unde by 200 ya-
ren hir vorn(omed) hemelicken unde myt lyst darto gebracht wert, so
dat yder mercken kan unde seen in der ordenynge der keysere unde
paveste unde sunderlinge na deme dat keyserdom an de Dudeschen
gekomen is“(RDB, S. 119; vgl. Röpcke 1992, S. 75)
1522, ein halbes Jahr vor der Predigt Zütpfens, kam es jedoch zu einem Zwischenfall, der auf eine sehr konsequente Art durch die Bremer gelöst wurde. Das Privileg der Kleriker auf bremischem Boden HAMBURGER Bier einzuführen, war nicht mehr hinnehmbar.
Jan van de Kamp beschreibt den Vorfall wie folgt:
„Einige Bürger und
Ratsdiener waren zu dem Haus von Erich Hamming, einem Kanoniker des
Stephani-Kapitels, gegangen. Sie hatten aus dessen Bierfässern getrunken, ein
Fass mitgenommen und auf dem Marktplatz leer getrunken, und zwar unter
dem Vorwand, es sei verboten, solches Bier in die Stadt einzuführen. Auch
bei anderen Kanonikern hatte man nach Bier gesucht, aber nichts gefunden“ (Studien zur Reformation in Bremen, (Hg. Tilmann Hannemann) 2016, Bremen (S. 14).)
Die Empörung rührte daher, dass in der „Kundigen Rolle“, 1489-1513 ( Rechtsquelle), die Einfuhr von Hamburger Bier verboten worden war (S.51, Nr. 168).
Im November des Jahres 1522 machte schließlich der Mönch Heinrich von Zütpfen in der Stadt halt. Er predigte, dass die Geistlichen dem Rat und der Stadt Untertanen seien. Nicht der Kirche. Die Bischöfe seien „Diebe, Räuber, Menschenmörder und Seelenbetrüger“. An dieser Stelle könnte die Vermutung naheliegen, dass Heyne mit seiner These Recht hatte.
Auf diese Predigt folgte eine jahrelange Streitigkeit zwischen Rat und Kirche. Die Stadt schob Verantwortlichkeiten für Predigten von sich und forderte Beweise, dass die Predigt inhaltlich nicht mit der christlichen Lehre vereinbar sei. Das Erzbistum und das Domkapitel wurden außerdem von Klagen wegen Vorteilsnahme durch den Bremer Rat überhäuft.
Jan van de Kamp schlussfolgert:
„Mit den antiklerikalen Zügen in seinen Predigten schürte von Zütphen
(...) Unzufriedenheit. Zütphens Predigten trafen offenbar eine schon lange
schwelende kritische Haltung. Vermutlich war einer der wichtigsten Gründe
dafür, dass sie den Bürgern und dem Rat zu den theologischen Waffen verhalf,
sich weiter von den Geistlichen und dem Erzbischof zu emanzipieren und ih-
re Partizipation im kirchlichen Leben zu erweitern. Das Recht der Gemeinde,
selbst anhand der Bibel Predigten zu beurteilen, war die Wichtigste dieser
Waffen, die man vermutlich Luthers Schrift über das Recht der Gemeinde
entlehnte.“ (Studien zur Reformation in Bremen, (Hg. Tilmann Hannemann) 2016, Bremen (S. 20).)
Wie viele Fässer Bier noch „vernichtet“ werden mussten, um den antiklerikalen Zügen Nachdruck zu verleihen, ist jedoch nicht bekannt.
Der 9. November
Erinnerungsort in Bremen Burg-Lesum
Der Goldbergplatz
Der 9. November nimmt in der deutschen Geschichte eine facettenreiche Bedeutung ein. 1848 das Scheitern der Märzrevolution, 1918 die Abdankung des Kaisers und die Ausrufung der Republik, 1923 der Hitlerputsch, 1989 die „Schabowski Erklärung“ (Mauerfall). Und der 9.November 1938.
In der so genannten „Reichskristallnacht“ wurden auch in Bremen zahlreiche Jüdinnen und Juden traumatisiert, geschlagen, ausgeraubt und auch ermordet. Das jüdische Leben auszulöschen, war Intention des NS-Regimes. Das Projekt „Stolpersteine“ ruft die Biographien von deportierten Menschen in das Gedächtnis der Bevölkerung. Unter https://www.stolpersteine-bremen.de/index.php finden sich alle Stolpersteine in Bremen, sortiert nach Namen, Straßen oder Stadtteilen.
Drei Beispiele aus dem Stadtteil Burg-Lesum zeigen, mit welcher Willkür in der Nacht vom 9. November 1938 vorgegangen wurde.
Leopold Sinasohn aus Platjenwerbe, Dorfstraße 62, Elektromonteur, Vater zweier Söhne (Arbeitslager bis zum Ende des Krieges). Ermordet von Lesumer SA-Truppen in der Nacht auf den 10.11.1938.
Martha und Adolph Goldberg, Bremerhavener Heerstraße 18, Ärztepaar, sozial engagiert, Eltern dreier Kinder (Freitod 1930, und emigriert), erschossen am Morgen des 10.11.1938.
Auf dem Goldbergplatz, am ehemaligen Wohnort der Familie, wurde eine Gedenktafel errichtet. Am 9. November in der eigenen Umgebung nach Stolpersteinen zu suchen, ist eine lohnende Mikrorecherche für einen Samstagnachmittag.
1:30,6; 6Monate; 100Meter und 209 Teilnehmer*innen
Am 28.06.1925 durfte die Bremer Bevölkerung erstmals in ihrem neuen Freibad am Stadion anbaden. Das in nur 6 Monaten durch die Vereinsmitglieder des ABTS errichtete Bad wurde extra für die Deutschen Schwimmmeisterschaften 1925 in Bremen gebaut. Ausgestattet mit einer 100m Bahn und einem tiedeunabhängigen Becken, war das Stadionbad die erste sichere Option für die Bremer*innen im Sommer zu baden. Aber auch für Bremen als Hochburg des Schwimmsports bedeutet das Bad ganz neue Möglichkeiten. Am 08.08.1925 fanden in der vom Architekten Walter Fricke errichteten Sportanlage mit Sprungturm der Wettkampf mit 209 Teilnehmer*innen statt. Auf der erst 1924 zugelassenen Distanz von 100m Rücken der Frauen siegte die Bochumerin Anni Rehborn in 1:30,6min. Die Liegewiese und die Tribüne waren gut besucht an diesem Sommertag. 1930 verzeichnete das Bad bereits 100.000 Besucher*innen. Für Badegeäste aller Gesellschaftsschichten war nun ein Treffpunkt, unabhängig von Risiken eines Flussbades, geschaffen worden.
Quellen
StaB 8; 958 (Die MAUS, Familiengeschichte Heinken)
Gildemeister,Johann: Heineken, C.A.:Das Gebiet der Freien Hansestadt Bremen in 28 Karteblättern nach Originalaufnahmen von J. Gildemeister und C.A. Heineken; Bremen, 1928 (Nachdruck).
Bessel, Georg: Geschichte Bremerhavens; Bremerhaven, 1989 (S.144).
Van de Kamp, Jan: Vorabend und Auftakt der Reformation in Bremen, in: Studien zur Reformation in Bremen; Tilmann Hanneman (Hg.), Bremen, 2016.
Das Bremer Ratsdenkelbuch 1395-1671; Redaktion Konrad Elmshäuser; 2024.
Daniel von Bühren; „Denkbuch“. Staatsarchiv Bremen.
Büttner, Jan Ulrich, Elmshäuser, Konrad und Hofmeister, Adolf, Hrsg. (2014),
Die Kundige Rolle von 1489: Faksimile-Edition mit mittelniederdeutscher Tran-
skription und hochdeutscher Übersetzung. Bremen
Heyne, Bodo: Die Reformation in Bremen 1522–1524; 1973.
Moeller, Bernd: Reichsstadt und Reformation. Schriften des Vereins für
Reformationsgeschichte 180; Gütersloh, 1962.
Bildquelle Baustein aus der Privaten Sammlung von Hans Stünker